Dienstag, 15. September 2015

Unternehmer/innen und die Flüchtlingskrise

Seit Wochen ist die sog. "Flüchtlingskrise" Hauptthema in allen Medien. Viele Menschen engagieren sich. Ehren- und hauptamtlich, um den Menschen, die zu uns kommen, weil sie vor Krieg, Terror und Elend aus ihren Heimatländern geflüchtet sind.

Auch Unternehmer/innen engagieren sich. In Hamburg organisierten die "Herzlichen Haareschneider Hamburg", das sind 50 Friseur/innen mit der Arbeitgemeinschaft DIY der Refugees Welcome Karoviertel eine große Open-Air-Haarschneideaktion. Und das ging dann so vor sich:


Die freie Journalistin Birte Vogel aus Niedersachsen erstellte unter dem Titel "Wie kann ich helfen?" ein Informationsportal für Flüchtlinge und freiwillige Helfer in Deutschland: http://wie-kann-ich-helfen.info

JedeR kann sich engagieren, allerdings haben gerade Selbständige und Unternehmer große Potenziale. Sie wissen, wo es vielleicht Unterbringungsmöglichkeiten, Arbeits- und Praktikumsplätze gibt und vieles mehr.  Von einer guten und raschen Integration der Flüchtlinge hängt vieles ab. Probleme, das weiß man aus den Erfahrungen mit Migrationsbewegungen der Vergangenheit,  entstehen durch Ausgrenzung, Arbeitsverbote, Ghettoisierung und mittel-bis langfristige Kasernierung in Lagern und Heimen.


Die Flüchtlinge sollen vor allem in wirtschaftsstarke Städte und Kommunen gebracht werden, obwohl, wie z. B. in Städten wie Goslar, wie der dortige Bürgermeister beklagt, Wohnungen leer stehen und die schöne alte Stadt, wie viel andere auch ein Opfer des demografischen Wandels ist. Wie Integration, gerade nicht in einer "großen starken" Stadt oder Kommune, sondern im Kleinen vor sich gehen kann, beweist uns die italienische kalabrische Gemeinde Riace schon seit 1998 als hier erstmals 200 Flüchtlinge strandeten.

Das früher 3000 Einwohner zählende Dorf wäre heute wohl verwaist, hätte Bürgermeister Domenico Lucano nicht das Projekt "città futura", d. h. auf Deutsch so viel wie "Stadt der Zukunft" begründet, und seine Heimatgemeinde durch die Ansiedlung von Flüchtlingen wiederbelebt. Derzeit leben mehrere hundert Neuankömmlinge aus allen Teilen der Welt in Riace. Der Bügermeister hat sie in den verlassenen Wohnhäusern der ehemaligen Dorfbevölkerung untergebracht, von der in den vergangenen 50 Jahren knapp die Hälfte nach Norden ausgewandert ist. Mit Hilfe des UN-Flüchtlingswerks wurden die Unterkünfte renoviert; dafür sollen die Migranten sich in das soziale Leben integrieren. Die Einheimischen freuen sich mehrheitlich darüber, dass ihr Dorf zu neuem Leben erwacht ist.

Das Projekt belebt aber nicht nur das Dorfleben, sondern auch die Wirtschaft und den Tourismus der armen Gegend. Überall finden sich inzwischen kleine Geschäfte. Die Migranten bringen aus ihren Heimatländern viele Kenntnisse und Fertigkeiten mit, die bei uns in Europa vergessen oder unbekannt sind. Es gibt Werkstätten für Webarbeiten, Keramik, Schmuck oder Öl. Eine junge Frau aus Eritrea produziert sogar Schokolade in verschiedenen Sorten. Antonio Lamantea, Direktor der Piccola Università di Tropea meint "In Kalabrien gibt es so viel Land, das von Migranten bewirtschaftet werden könnte." An Möglichkeiten fehlt es also nicht. Oft braucht es nur eine gute Idee und Mut!

Migranten haben immer wieder - auch in Deutschland - die Wirtschaft belebt. Wie sähe unser Land aus ohne die vielen Restaurants, Einzelhandelsgeschäfte und die vielen anderen mittelständischen Betriebe, die Migranten gegründet haben und damit tausende von Arbeitsplätzen geschaffen haben?

Flüchtlinge sind allerdings keine Arbeitsmigranten. Die Menschen, die derzeit aus den Kriegsgebieten zu uns kommen, sind oftmals an Körper und Seele schwer verletzt und entkräftet. Sie brauchen zunächst vor allem Schutz und eine gute Aufnahme. Viele von ihnen, gerade die Jüngeren, werden zweifellos in Europa bleiben, aber viele werden, wie die Erfahrungen der Vergangenheit - Beispiel Balkankrieg - gezeigt hat, auch zurückkehren, wenn in der Heimat Frieden und Stabilität herrscht und das Land wieder aufgebaut wird.

Insofern sollten wir die Fluchtursachen nicht vergessen!  Die einstmals wohlhabenden Länder des Nahen Ostens wie der Irak und Syrien oder das an Bodenschätze reiche nordafrikanisch Libyen dürfen nicht einfach als "failed states" abgehakt und den Terrorbanden überlassen werden. Hier braucht es langfristige politische Lösungen!  Außerdem braucht es wirtschaftliche Lösungen für jene Staaten, aus denen die Menschen "nur" aufgrund von Armut und Perspektivlosigkeit fliehen. Hier sind neben der Politik auch Unternehmer/innen mit ihren guten Ideen gefragt.

Viele gute Lösungen beginnen oft im Kleinen...

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