Freitag, 31. Oktober 2014

Crowdfunding für Unternehmerinnen - Interview im Crowdfunding-Expertin Ilona Orthwein

Crowdfunding liegt als alternative Finanzierungsform im Trend. Unternehmerinnen.org-Projektinitiatorin Ilona Orthwein arbeitet seit 2003 als selbständige Unternehmensberaterin in Berlin. Sie gilt seit längerem als eine der wenigen weiblichen Expertinnen in Deutschland für Crowdfunding. Im Juli ist ein Ratgeberbuch von ihr zum Thema „Crowdfunding“ im Hamburger IGEL-Verlag erschienen. Wir wollten von ihr wissen, inwiefern Crowdfunding ein Modell ist, das Unternehmerinnen sich gut nutzbar machen können.


Liebe Frau Orthwein, Sie arbeiten als Unternehmensberaterin und sind Autorin von „Crowdfunding – Grundlagen und Strategien für Kapitalsuchende und Geldgeber“.  Wie sind Sie zum Thema Crowdfunding gekommen?

Ehe ich mich als Beraterin selbstständig machte, war ich über zwölf Jahre im internationalen Bankgeschäft tätig, habe Unternehmens- und Projektfinanzierungen begleitet. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass die Finanzierungsberatung einer meiner Beratungsschwerpunkte auch in der Selbständigkeit wurde.  Von Anfang an stand bei mir neben der klassischen Finanzierung auch die Beschäftigung mit alternativen Formen auf der Agenda. Zudem gehöre ich, obschon ich selbst leider nicht programmieren kann, zu den Menschen, die sich seit vielen Jahren mit den Entwicklungen in der digitalen Wirtschaft, dem Web 2.0 und neuen Medien beschäftigen. So kam ich quasi unweigerlich zum Crowdfunding.


Könnten Sie für alle, die es noch nicht wissen, kurz umreißen, was Crowdfunding ist?

Mit der Crowd ist die Masse der Internetuser gemeint und Crowdfunding ist eine Kollektivfinanzierung über das Internet, wo aus dieser Masse heraus Individuen Geld geben, um ein Anliegen, ein Projekt oder eine Unternehmung zu finanzieren. Man unterscheidet dabei grundsätzlich vier Hauptformen: Crowddonating – hier erfolgt die Geldspende ohne Gegenleistung;  Crowdsponsoring – auch „reward based Crowdfunding“ oder nur „Crowdfunding“ genannt - hier erhält der Geldgeber eine ideelle oder materielle Gegenleistung für seine Spende. Des Weiteren kennen wir das Crowdlending, auch Microlending, Social Lending oder Peer-to-Peer-(P2P-Lending) genannt, wo Menschen einander Geld leihen bzw. Mikrokredite geben. Und als vierte wichtige Säule das Crowdinvesting oder „Equity Crowdfunding“. Da werden Mikroinvestoren entweder echte Teilhaber in einem Unternehmen oder stocken dessen Eigenkapitalausstattung durch Mezzanine-Finanzierungsformen auf. 


Demzufolge ist Crowdfunding durchaus etwas für Unternehmen?

Die Anfänge von Crowdfunding liegen zwar im gemeinnützigen und künstlerisch-kreativen Bereich. Aber inzwischen ist Crowdfunding zunehmend ein wichtiges Tool zur Unternehmensfinanzierung. Über Crowdsponsoring werden Vorverkäufe von Produkten, von denen es erst einen Prototyp  oder auch nur einen „Dummy“ gibt, organisiert. Durch einen erfolgreichen Vorverkauf kann die Produktion des Produkts finanziert werden. Aber nicht nur Produktherstellungen werden so finanziert. Der „Supermarkt ohne Verpackungen“  - „Original unverpackt“ -,  der im September in Berlin öffnete, erhielt über 100.000 € über Crowdsponsoring – so wichtig war den Menschen offenbar das Zustandekommen dieses Angebots. Dahinter stehen übrigens zwei Frauen. Auch hinter dem Jobsharing-Portal Tandemploy stehen zwei Unternehmerinnen und auch hier kam eine ordentliche Summe – über 18.000 € - zur Finanzierung des Geschäftsaufbaus über Crowdfunding zusammen. Auch mein erster persönlicher Crowdfunding-Fall war eine Jungunternehmerin, die sich über Crowdfunding ihre Geschäftseinrichtung von ca. 12.000 € finanzierte.


Crowdfunding scheint also ein Finanzierungsmodell zu sein, das Frauen sehr entgegenkommt - oder wie sehen Sie das?

Crowdfunding hat viel mit Beziehungsmanagement und Kommunikation zu tun, und das sind in der Tat Fähigkeiten, die Frauen gut beherrschen. Auch sind über Crowdfunding, insbesondere, wenn man Crowdlending mitbetrachtet, kleine Finanzierungsbeträge gut zu erzielen - und viele Gründerinnen haben nur einen Finanzierungsbedarf, der im Mikrokreditbereich liegt, also bis max. 25.000 €. Grundsätzlich ist aber die Crowdfunding-Szene im Ganzen ebenso von Männern beherrscht, wie die übrige Wirtschaftswelt. Und das, was für die Wirtschaft im Ganzen gilt, gilt auch für Crowdfunding: dort wo das meiste Geld umgesetzt und verdient wird, finden sich kaum Frauen. Das gilt für die Projekte, die über Crowdinvesting Beträge im 5-bis 7-stelligen Bereich einsammeln ebenso wie für die Plattformbetreibergesellschaften, die am Funding mitverdienen. Hier sind nur wenige Frauen zu finden. Und auch unter den Crowdfunding-Beratern gibt es nur wenige Frauen. 


Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?


Das hat sicher viele Ursachen. Zunächst einmal die Internettechnologie:  Crowdfunding wäre ohne das Web 2.0 nicht möglich, Softwareentwickler und Programmierer sind nun mal  überwiegend Männer, so dass auch die ersten Funding-Plattformen in den USA und Europa von Männern entwickelt und auf den Markt gebracht wurden. Schon immer männerdominiert ist auch die Finanzbranche: im Lending- und Investing-Bereich finden sich viele Männer wieder, die durch die Finanz- und Bankenkrisen der letzten Jahre keine Karriereaussichten im klassischen Finanzmarkt mehr hatten. In diesem neuen Sektor dagegen können sie ihre Netzwerke und ihr Knowhow gut einbringen. Solche Männer sind nun oft im Crowdlending- und Crowdinvesting-Bereich  an verantwortlicher Stelle aktiv, für die Konzeption von Plattforminhalten, Geschäftsprozessen und deren Geschäftsmodell  verantwortlich. Oder betrachten wir die Start-up- Szene, die doch sehr Technologie lastig  ist, wo wiederum auch Männer den Ton angeben. Und als Kapitalgeber, d. h. Crowdinvestoren, verfügen Männer durch insgesamt höhere Einkommen im Schnitt über eine bessere finanzielle Ausstattung als Frauen, was wiederum insbesondere den Funding-Projekten zugute kommt, deren Geschäftsmodell Männer besonders anspricht. Und so schließt sich der Kreis.


Das klingt, so als hätten Frauen hier kaum Chancen - außer in dem von Ihnen zuvor erwähnten Mikrofinanzbereich. Oder wie sehen Sie das?

Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann haben tatsächlich nur einige wenige Frauen eine Chance. Weibliche „Serial Entrepreneurs“ sind eben selten, genau wie weibliche Tech-Startups auf Investorensuche. Frauen gründen üblicher Weise anders als Männer. Das gilt nicht nur für meine Generation oder jene Unternehmerinnen, die heute ca. 30-40 Jahre alt sind, sondern, wie ich durch meine ehrenamtliche Arbeit in Entrepreneurship-Projekten an Schulen und Universitäten immer wieder mitbekomme, auch für ganz junge Frauen. Um es mal ganz flapsig auszudrücken: Jungs programmieren eine App, um die Welt zu retten, Mädchen machen ein Upcycling-Projekt…  Und genau da liegen die Chancen: Wenn Crowdfunding weniger als „cash machine“ denn als ein besonders nachhaltiges Finanzierungsmodell begriffen wird, tun sich interessante Perspektiven auf. In einem Crowdfunding-Prozess kommen nämlich normalerweise die Nutznießer eines Angebots bzw. die Kunden eines Produkts mit Dienstleistern und Produzenten zusammen – primär virtuell, aber vom Netz lassen sich immer Brücken ins Offline-Leben schlagen. Crowdfunding geht schließlich über die reine Finanzmittelakquise heraus.  Es bedeutet, die eigene Zielgruppe aus der Crowd in den Unternehmensprozess ein Stück weit miteinzubinden. Die Crowd finanziert mit, gibt Feedback, ist Kundin und Multiplikatorin. Das sollte logischer Weise zu einer bedarfsgerechteren Angebotsentwicklung, einer langfristigen Kundenbindung sowie zu immer neuen Kunden und frischen Impulsen führen. Wer also mit einer Geschäftsidee ein solides und belastbares Geschäftsmodell entwickeln und aufbauen möchte, für den oder die kann Crowdfunding sehr hilfreich sein. Unternehmerinnen sollten dabei ruhig mutig sein und größere Projekte anpacken! Unternehmerische Projekte, die Antworten auf eine der vielen drängenden Fragen unserer Zeit geben, werden ihren Markt finden und wirtschaftlich erfolgreich sein.


Empfehlen Sie Crowdfunding grundsätzlich jeder Gründerin oder Unternehmerin, die Kapital braucht?

Pauschale Empfehlungen kann niemand geben. Grundsätzliche Bedingung für Crowdfunding ist, dass man oder frau das Internet als  Medium nicht scheut, Web 2.0-gerecht auf  vielen Kanälen den Dialog mit der Zielgruppe führen kann und eine Zielgruppe hat, die über Netz entsprechend erreichbar ist. Außerdem sollte vorab geprüft werden ob sich der Finanzierungzweck wirklich eignet. Nicht jedes Anliegen eignet sich optimal. Aber das Spektrum ist breit. Eine Handwerkerin könnte z. B. durchaus ihre Werkstatt, ihr Atelier oder neue Maschinen über Crowdfunding finanzieren. Als Gegenleistungen könnte sie Rabatt-Gutscheine, besondere Produkte oder eine Ehrung der Spender auf der Firmenwebsite anbieten. Oder eine Grafikerin, die neue Hard- und Software braucht, könnte sich diese ähnlich über Crowdfunding finanzieren – gerade kreativen Frauen fällt es oft leicht, sich hübsche und praktische „Perks“, so nennt man die Gegenleistungen im Crowdsponsoring, zu ersinnen. Richtig spannend wird es, wenn es darum geht, echtes Beteiligungskapital aus der Crowd zu bekommen. Wer einen Kapitalgesellschaft  (UG, GmbH, AG)  und eine ausbaufähige Geschäftsidee hat, sollte sich nicht scheuen auch mehr als nur eine Mikrofinanzierungen anzuvisieren. Gerade Frauen beweisen immer wieder, dass sie mit Geld sehr gut umgehen können, warum also nicht ein Crowdinvesting wagen? Alleine oder mit andren! Sicherlich würde die Start-up-Szene profitieren, wenn zum mutigen und visionären männlichen Projektieren etwas weibliche Umsicht  und „Erdhaftung“ hinzukäme.
  

Was hat Sie dazu gebracht, ein Ratgeber-Buch zum Thema Crowdfunding zu schreiben und was können LeserInnen von dieser Publikation erwarten?

Seit ungefähr zirka drei Jahren boomt Crowdfunding bei uns, und die meisten Leute, haben den zumindest den Begriff schon mal irgendwo gehört oder gelesen. Ich merke bei Veranstaltungen, meinen eigenen Vorträgen und Beratungen immer wieder, dass es noch viel Informationsbedarf gibt. Allgemeines  Finanzwissen ist bei uns leider nicht sehr verbreitet, und beim Crowdfunding gibt es einiges zu beachten – auch rechtlich – was nicht gerade trivial ist. Und da ich der Meinung bin, dass Menschen, wenn sie sich für Crowdfunding in irgendeiner Form entscheiden, dies bewusst angehen sollten, versuche ich meinen Beitrag zu leisten. So ist zwischen dem Sommer 2013 und dem Frühjahr 2014 mein kleines Buch „Crowdfunding – Grundlagen und Strategien für Kapitalsuchende und Geldgeber“ entstanden. Mir war es dabei sehr wichtig, dass Thema wirklich von der Basis her aufzurollen. Mit der Frage, was die Crowd eigentlich genau ist, bin ich gestartet. Ich habe dann erörtert, unter welchem Rahmenbedingungen Crowdfunding sich entwickelt hat, worin sich die einzelnen Formen unterscheiden. Dann zeige ich auf, welche Chancen sich durch diese Finanzierungsformen auftun können, aber auch welche Risiken und Pflichten damit einhergehen. Komplizierte Fachbegriffe versuche ich allgemein verständlich zu erläutern. Ich gebe auch einen Überblick über die Crowdfunding-Szene und die Plattformen, so wie sie bis zum Mai 2014, als ich das Manuskript fertigstellt habe, im D-A-CH-Raum präsentiert haben. An Beispielen erfolgreicher und gescheiterter Crowdfundings, zeige ich auf, was es alles zu beachten gilt und gebe Tipps für gelungenes Funding. Allen, die sich über Crowdfunding grundsätzlich informieren wollen, oder die hier gar selbst aktiv werden wollen, bietet das Buch einen guten Ein-und Überblick. Vermutlich ist es auch deswegen kürzlich für den Hans-Matthöfer-Preis 2014 für Wirtschaftspublikationen vorgeschlagen worden.


Frau Orthwein, wir bedanken uns sehr für das aufschlussreiche Gespräch.


Das Interview führte Unternehmerinnen.org im Oktober 2014.



Crowdfunding: Grundlagen und Strategien für Kapitalsuchende und Geldgeber
 
Autorin: Ilona Orthwein
Igel Verlag RWS 2014, Hamburg, Erstauflage 2014
64 Seiten, 24,99 EUR
ISBN: 978-3-95485-102-7

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