Montag, 14. Oktober 2013

Selbstständig - und doch abhängig / Solo-Unternehmerinnen brauchen andere Rahmenbedingungen

Co-Veröffentlichung eines kritischen Beitrages von Andrea Blome / existenzielle

"Selbstständig - und doch abhängig?" unter diesem Titel hatte das Kompetenzzentrum Frau +  Beruf Ostwestfalen-Lippe in dieser Woche zu einer Fachtagung eingeladen. Beim Blick auf die Realität vieler Einzelunternehmerinnen und die Ergebnisse der Forschung wurde wieder einmal klar: Rahmenbedingungen, die für große Unternehmen gedacht sind, tun vielen Solo-Selbstständigen nicht gut.

37 Prozent - so groß ist die Einkommenslücke zwischen selbstständigen Frauen und selbstständigen Männern, die mindestens 35 Stunden in der Woche arbeiten. Die Ergebnisse, die Prof. Dr. Claudia Gather von der Hochschule für Wirtschaft und Recht aus Berlin präsentiert, sind erschreckend.

Ein Blick auf die Zahlen: 41 Prozent  der Solo-Selbstständigen Frauen verdienen monatlich weniger als 1.100 Euro netto, bei den Männern sind es 24 Prozent. Bei den Selbstständigen mit Beschäftigten sind es unter den Frauen immerhin noch 23 Prozent, die weniger als 1.100 Euro netto verdienen gegenüber 9 Prozent bei den Männern.

Während der Equal Pay Day alljährlich auf die dramatische Einkommensdifferenz von 23 Prozent hinweist und hier die Unternehmen und Arbeitgeber am Pranger stehen, ist beim Blick auf die Einkommensverhältnisse der selbstständigen Frauen die Frage nach den Ursachen komplizierter.
Dass überhaupt erst spät in diesem Bereich geforscht wurde, hat mit den Unternehmer- und Unternehmerinnenbildern zu tun: Noch immer gelten Selbstständige hierzulande als die Besserverdienenden.

Sind es die fehlenden Finanzmittel bei der Gründung, die Frauen daran hindern, in der Selbstständigkeit so erfolgreich wie die Männer zu werden? Ist es die Verantwortung für Familie und Kinder? Sind es möglicherweise die typisch weiblichen Branchen, in denen sich einfach weniger Geld verdienen lässt? Oder führt mangelndes Verhandlungsgeschick oder Selbstbewusstsein der Frauen zu geringeren Einnahmen?

Die Wissenschaft, so viel wurde klar, kann ihren Befund noch nicht wirklich erklären. Was aber im Rahmen der Veranstaltung am 30.9.2013 in Bielefeld mehr als deutlich wurde: Die Rahmenbedingungen, unter denen Solounternehmerinnen (und -unternehmer) selbstständig sind, die sind eher für die Großen als für die Kleinen gemacht.

Alle Vorschläge und Forderungen verbindet Folgendes: Einkommensunterschiede sind nicht statusabhängig. Wer entscheidet, selbstständig zu arbeiten (aus welchen Gründen auch immer), ist nicht automatisch auf der Gewinnerstraße. Wenn Selbstständigkeit eine gleichberechtigte Form der Erwerbstätigkeit ist, dann sollte auch hier die Entscheidung darüber, ob eine bestimmte Förderung sinnvoll und notwendig ist, einkommensabhängig erfolgen und nicht statusbezogen.

1. Beitragsbemessungsgrenzen bei der Krankenversicherung verändern
Für Selbstständige liegt diese grundsätzlich bei mindestens 1.300 Euro (bei Bezug eines Gründungszuschusses), in der Regel bei 2.000 Euro. Auch gering verdienende Selbstständige zahlen also immer mindestens einen Beitrag von 300 Euro monatlich. Warum eigentlich? Es gibt nicht wenige Selbstständige, die vor allem zu Beginn weniger verdienen als die Bemessungsgrenzen der Krankenkassen verheißen. Und gerade für die sind die hohen Krankenversicherungsbeiträge eine riesige Hürde.Die Forderung: Selbstständige bei der Bemessung der Beiträge ebenso zu behandeln wie Angestellte.

2. Die Auftraggeber an der Sozialversicherung beteiligen
Das Modell der Künstlersozialkasse macht es vor: Während die Selbstständige nur 50 Prozent der Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung zahlen, werden die Auftraggeber an den Kosten der Sozialversicherung beteiligt.Gerade in Zeiten des zunehmenden Outsourcing von Dienstleistungen darf ein Auftrag an Freiberufler/-innen nicht dazu führen, dass die Arbeit günstiger vergeben wird, weil damit an den Sozialbeiträgen gespart werden kann.

3. Ein Mindeststundensatz für Selbstständige
Während über einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn diskutiert wird, stellt sich die Frage, warum nicht auch für freie Aufträge ein Mindeststundensatz festgelegt werden sollte. Es ist schlicht unanständig, wenn gerade öffentliche Auftraggeber Freiberufler/-innen mit 15 oder 20 Euro pro Stunde abspeisen. Sie ignorieren, dass die Selbstständige davon ihre Versicherungen bezahlen und für Krankheit oder Urlaub vorsorgen muss. Eine Selbstverpflichtung von öffentlichen Auftraggebern, Kommunen und Kreisen, Verbänden und Kirchen könnte hier beispielhaft sein. Aus einer Forderung nach einem "Mindestlohn für Selbstständige" eine Kampagne zu machen, würde zumindest schon mal dazu beitragen, die Diskussion um prekäre Selbstständigkeit stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.

4. Förderprogramme auf die Finanzierung des Lebensunterhalts ausweiten
Der Gründungszuschuss hat es gezeigt: Gerade im ersten Jahr ist eine Förderung des Lebensunterhaltes (vor allem der Beiträge zur Sozialversicherung) wichtig und richtig. Eine Unterstützung wie diese gibt es in keinem Förderprogramm, hier werden Betriebsmittel und Investitionen finanziert - für Große gedacht ...
Warum gibt es diese Unterstützung nur für die Gruppe der Gründer/-innen aus der Arbeitslosigkeit, wenn sie einen Gründungszuschuss bekommen, für alle anderen machte eine entsprechende Förderung ebensoviel Sinn.

Daneben gibt es noch viele weitere Facetten, über die sich nachzudenken lohnt, wenn wir es ernst meinen mit der Förderung einer gesunden kleinunternehmerischen Unternehmenskultur.

Warum zum Beispiel gibt es den Bildungsscheck für (Solo-)Unternehmer/-innen nur in den ersten fünf Jahren nach der Gründung? Noch immer wird davon ausgegangen, dass das Einkommen Selbstständiger nach dieser Zeit so hoch ist, dass man (teure) Fort- und Weiterbildungen selbst bezahlen kann. Warum nicht auch hier einkommensabhängig entscheiden und nicht nach Status?
Ähnlich ist es zum Beispiel mit den kostenlosen Schuldnerberatungen. Sobald Schulden nicht mehr privater Natur sind, werden Selbstständige von den freien Trägern abgewiesen und an teure Beratungen durch Anwälte verwiesen. Dafür haben die meisten dann ohnehin kein Geld mehr.
Auch hier ist nicht ganz verständlich, warum hier der Status und nicht die persönliche Lebens- und Einkommenssituation entscheidend sein sollen.

Jutta Fechtelkord, betriebswirtschaftliche Beraterin in Ostwestfalen-Lippe, hat es in der Diskussion in Bielefeld auf den Punkt gebracht: Der Riss, der durch unsere Gesellschaft geht, verläuft nicht zwischen Angestellten und Selbstständigen, sondern zwischen denen, die gut verdienen und denen, bei denen das Einkommen nicht zum Leben reicht.

Das sollten all die erkennen und ernst nehmen, die über steuer-, sozial- und förderrechtliche Rahmenbedingungen nachdenken. Ohne ihre rosa Brille mit klischeehaften Unternehmerbildern.










Autorin: Andrea Blome

  
"Eine andere Öffentlichkeit für selbstständige Frauen, darum geht es der existenzielle. Frauen führen große, meistens aber kleine Unternehmen. Einzelunternehmerinnen und Freiberuflerinnen wissen: Ich bin mein Unternehmen. Erfolg ist für sie viel mehr als (nur) das wirtschaftliche Wachstum. Sie sind Frauen mit Ideen und Leidenschaft - und  könnten doch gelegentlich etwas größer denken! " (Andrea Blome)
 
Quelle: http://www.existenzielle.de/
(Hervorhebungen Unternehmerinnen.org)

Unternehmerinnen.org verfolgt ganz ähnliche Ziele und wendet sich an ähnliche Zielgruppen wie existenzielle.

Wir betrachten uns als Interessensgemeinschaft selbständiger Frauen - ganz gleich, ob Solo-Unternehmerin oder mit größerem Unternehmen. Voneinander und miteinander können wir lernen und profitieren. Solidarität ist gefragt. Darum ist es von Anfang unser Ziel, nicht zu trennen, sondern zu vereinen.

Wir freuen uns darum, diesen interessanten Beitrag hier co-veröffentlichen zu können. Vielen Dank!

1 Kommentar:

Marta Nierada hat gesagt…

Hallo Frau Blome,

ein wirklich interessanter Bericht - insbesondere die Idee mit dem Mindestlohn auch für Selbstständige finde ich sehr interessant!

Herzliche Grüße,
Marta Nierada